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Unser Weg
 
in eine 

andere Welt

Im Alter von vierzehn Jahren kam ein schottischer Schuljunge namens Phillip von der Schule nach Hause und fand seine Mutter blutüberströmt auf ihrem Bett. Sie hatte seit langem an Tuberkulose gelitten und war an einer plötzlichen Lungenblutung gestorben. Anstatt den Jungen zu trösten und ihm bei der Bewältigung seines Schocks und seiner Trauer zu helfen, machte der Vater Phillip nicht enden wollende Vorwürfe. Er habe seine Mutter getötet, indem er sie durch eine erschöpfende Schwangerschaft, Geburt und Erziehungszeit hindurchgezwungen habe. Das dauerte zwei Monate so fort, bis Phillip eines Tages nach hause kam und den Vater tot vorfand. Er hatte Selbstmord begangen.
Sechs Monate später begegnete Laing dem Jungen in einer Glasgower Irrenanstalt; er befand sich in einem sonderbaren Zustand körperlichen und geistigen Verfalls. Laing erinnerte sich lebhaft: »Er roch schrecklich, konnte weder Stuhlgang noch Harnfluß kontrollieren und torkelte in eigentümlicher Weise durch die Gegend. Er gestikulierte in seltsamer Weise, ohne zu sprechen, schien fast vollständig autistisch und kümmerte sich in keiner Weise um seine Umwelt und die Menschen darin.
Obwohl er doch umgeben war von Ärzten und Krankenschwestern, deren Aufgabe es war, für ihn zu sorgen, hatte Phillip die Grenzen des Mitleids gesprengt. Er war zu absonderlich und widerwärtig, als daß irgend jemand es länger als ein paar Minuten in seiner Nähe aushielt, vom Helfenwollen ganz zu schweigen. Er hatte zu stottern begonnen; dazu kamen alle erdenklichen Ticks: Zwinkern, stechende Blicke, Zuckungen des Gesichts, der Zunge, Hände und Finger. Am schlimmsten war jedoch seine totale Gleichgültigkeit, die ihm die anderen Patienten entfremdet und das gesamte Personal gegen ihn aufgebracht hatte.
Zwei Monate Krankenhausaufenthalt brachten kaum eine Besserung mit sich. »Es mangelte nicht an einer Diagnose, erinnert sich Laing. »Es war ein akuter (und wahrscheinlich chronisch werdender) Fall von katatonischer Schizophrenie. Wenn er jemals sprach, wurde deutlich, daß er an einer schweren paranoiden Psychose litt. Laing fühlte sich zu diesem zerschlagenen Wesen hingezogen. Es gab keine Verwandten oder Freunde der Familie, die ihn hätten zu sich nehmen können. Daß er den Rest seines Lebens in einer Anstalt verbringen wurde, daran bestand kein Zweifel.
Also nahm Laing ihn zu sich, zu seiner Frau und seinen drei Kindern, die alle jünger als vier Jahre waren. Er traf diese außergewöhnliche Entscheidung, weil er bemerkt hatte, daß, wenn er allein mit Phillip in seiner Praxis war, außerhalb der Atmosphäre der Psychiatrie, der Junge ruhiger wurde. Er begann, verständlich zu sprechen, und obwohl es dabei um verrückte Dinge ging - sein Gefühl, daß die Anstalt eine gigantische Kuppel war, mit ihm als Mittelachse; die Besuche von Außerirdischen; seine Wahnvorstellungen von der Stimme eines schwarzen Mannes, der ihm Unverständliches durch die Nacht zurief -, war er nicht völlig abgetreten. Auch seine Ticks und Zuckungen klangen in Laings Praxis ab. Während mindestens einer Stunde war er kontinent, und, wichtiger noch, ein Anflug von Dankbarkeit kam über seine starren Gesichtszüge, wenn Laing ihm seine Hilfe anbot.
Laing kam zu der Einsicht, daß möglicherweise die Ärzte und Krankenschwestern Phillip verrückt hielten, weil sie ihn dafür hielten. »Phillip erzeugte in jedem, der in seine Nähe kam, gemischte Gefühle einerseits des Ekels bei seinem Anblick und Geruch und andererseits des Mitgefühls, einfach deswegen, weil er so widerwärtig war und so offensichtlich im Elend steckte. Das Ergebnis war, daß so gut wie jeder versucht war, ihm gegenüber freundlich und liebevoll zu scheinen, aber jeder so rasch wie möglich außer Sicht- (und Riech-) Weite floh - nicht, weil sie ihn nicht ausstehen konnten, sondern aus irgendeinem anderen Drang heraus.
Phillip wurde verrückt gehalten, weil der Versuch, ihn zu lieben und für ihn zu sorgen, von Heuchelei gefärbt war, und das wußte er. Sobald Laing den unerhörten Schritt getan hatte, einen katatonischen Schizophrenen in seine Familie aufzunehmen, ging es mit Phillip mit Riesenschritten bergauf. Seine Inkontinenz hörte mit dem Moment auf, als er Laings Haus betrat. Nach wenigen Wochen hörte er auf zu torkeln, das Schütteln blieb noch eine Weile. Er begann, stockend, aber zusammenhängend zu sprechen. Drei Monate später war er wieder so weit hergestellt, daß er in ein Kinderheim gebracht werden konnte. Die Gefahr, ein Leben in einer psychiatrischen Anstalt verbringen zu müssen, war gebannt.
Laing wandte keine Psychotherapie an, solange Phillip unter seinem Dach weilte. Der Junge wurde mit Aufrichtigkeit, ohne Heuchelei behandelt. Das bedeutete, auf das, was gut oder schlecht an ihm war, wurde dementsprechend reagiert. Fünfzehn Jahre später suchte er die Laings wieder auf um über sein Ergehen zu berichten. Laing vermerkt mit trockenem Humor.» Er war verheiratet, hatte zwei Kinder, eine feste Stelle und besuchte Abendkurse über Psychologie.»
Es ist schwerlich zu leugnen, daß Philips Geisteszustand in enormem Ausmaß von den Projektionen anderer Gemüter abhängig war. Die oberflächliche »Liebe» und »Fürsorge» in der Anstalt machte ihn zum Gefangenen eines falschen Selbst, denn diese Gefühle waren ebenfalls falsch. Dahinter lauerte die tatsächliche Botschaft. »Liebe« war nichts als ein Mittel, ihn zu beherrschen - es war ein Machtspiel.
Glücklicherweise fand der Junge in Laing jemanden, der ihn im Licht der Liebe sah. Für mich ist dies der bewegendste Teil der Geschichte. Laing macht die Liebe nicht zum Forschungsgegenstand. Er stellt seine Motive auf eine einfache menschliche Basis: »Seine Notlage tat mir sehr weh, und ich wünschte sehr, ihm nach Kräften zu helfen.« In Laings Gegenwart entstand eine Beziehung, in der ein Bewußtsein sich unverstellt im anderen wiederfand. Die Intensität des Lebens, unendlich klar, gesund und liebevoll, strahlte von Laing aus und berührte den Jungen. Das scheint das Natürlichste von der Welt zu sein, was da zwischen den beiden geschah und was zwischen allen von uns geschehen sollte. Ein wahres Selbst spricht mit einem anderen mit der Sprache des Herzens, und in dieser engen Beziehung tritt Heilung ein.


Ronald D. Laing
Das Leben verstehen

Nach dem Fall Gustl Mollath spülte sich jetzt der Fall Ilona H. ins Bewusstsein einiger Menschen. Und weil ich empfinde, im psychiatrischen bzw. forensischen Bereich geht's, was Diagnose und "Therapie" betrifft, drunter und drüber, mache ich hier - erst  mal ohne Kommentar - einen Text verfügbar. Insbesondere für die Leser auf dem Opablog.

Die Geschichte
(Einführung von mir)
Wir alle verstrahlen unser Bewußtsein hinaus in die Welt und erhalten den Widerschein davon zurück. Wenn unser Bewußtsein Gewalt und Furcht enthält, werden wir diese Eigenschaften auch »dort draußen« antreffen. Birgt unser Bewußtsein jedoch bedingungslose Liebe, so wird die Welt diese Liebe selbst aus den Augen eines Strolches widerspiegeln. Der therapeutische Wert dieser Art von Bewußtsein ist enorm; ich möchte dies mit einer bewegenden Episode aus dem bereits erwähnten Buch von R.D. Laing veranschaulichen


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2011